Mittwoch, 4. August 2010

Der beschissene Irrtum von Pro7

Jetzt werde ich mich also als Simpsonsfan outen - nicht, dass das etwas besonders ungewöhnliches wäre. Aber irgendwann zwischen der 12. und der 14. Staffel habe ich schlagartig das Interesse verloren, da die Plots wirr, die Witze beliebig und die Anspielungen platt geworden sind. Theoretisch würde ich wohl trotzdem eine Folge der neuen Staffeln sehen, wenn sie zufällig im Fernsehen käme - wenn Pro7 sich nicht irgendwann auf einen sehr eigenartigen Umschwung in der Übersetzung festgelegt hätte.

Anscheinend, so dachte Pro7, ist es in Zukunft unnötig das altbewährte Konzept einer „Serie für Alle” länger fortzusetzen und benutzt Fäkalsprache und derbe Wörter. Als ertes Irritierte mich ein „du bist scheiße!”, was eine jämmerlich schlechte Übersetzung von „you suck!” ist. Also bitte, was soll das? Dann wurde dazu übergegangen das niedliche Wort „Boobies” mit dem hässlichen Wort „Titten” ins deutsche zu bringen. Es gibt tausende nette, lustige Wörter die hier besser wären - Hupen, Möpse und so weiter. Aber Titten? Inflationär wird auch das Wort „Arsch” benutzt, wohl auch weil das Original, warum auch immer, jetzt öfter „Ass” verwendet.

Man ist ja ohnehin keine gute Synchronfassung gewohnt - aber solche Wörter haben in den Simpsons nichts zu suchen. Ich war immer froh darüber, dass diese Zeichentrickserie eine der wenigen ist, die ich auch mit meinen 8 und 10-jährigen Cousinen schauen würde. Und froh darüber, dass die Autoren nicht meinen, ihren Witz aus Schulhofjargon zu beziehen. Soll das etwa Realitätsnähe demonstrieren? Sorry, so reden die wenigsten im Alltag. Klar, in einem Gangsterfilm oder bei „Lammbock” macht das Sinn, aber hier soll schließlich eine Durchschnittsfamilie dargestellt werden. Es wirkt, in Tateinheit mit den schlechter werdenden Plots, wie der verzweifelte Versuch neue Kundenkreise zu gewinnen. Von South Park waren ja auch millionen begeistert! Aber dabei sollte bedacht werden, dass auch die neueren „South Park”-Folgen eher flach und billig sind - die inflationäre Fäkalsprache macht das Ganze nur noch schlimmer.
Lustig ist das höchstens für das ganz junge Publikum, welchen diese Wörter von Mami und Papi verboten wurden und die daher etwas Geheimes, Verbotenes sind.

Also, Pro7, lass es einfach sein, ja?

Donnerstag, 29. Juli 2010

Kollektivjournalismus

Wie viel Mitarbeiter braucht man, um folgenden Text zu erstellen?
Die Massenpanik auf der Loveparade hat ihr 21. Opfer gefordert. Vier Tage lang rang Anna K. (25) aus Heiligenhaus (NRW) mit dem Tod. Gestern hörte ihr Herz für immer auf zu schlagen. Die Mutter eines vierjährigen Sohnes war mit Bekannten und ihrem Lebensgefährten zur Loveparade gefahren. Freunde berichten: „Sie war eigentlich kein Electro-Fan, ist nur mit ihrem Freund nach Duisburg gefahren, weil sie sich so sehr auf die Party freute.“ Als am Samstag im Gedränge die Massenpanik losbrach, wurde die Angestellte unter den fallenden Menschen begraben.
Einen? Zwei? Nein, Bild Online braucht nach eigener Aussage 22.
Es berichten F. SCHNEIDER, T. WINTERSTEIN, K. WEUSTER, M. HEYL, G. KLEINEHEILMANN, C. WITTE, M. ENGELBERG, A. NAAF, F. DEÁKY, H. MEYER, W. PASTORS, P. POENSGEN, D. Böcking, U. REINHARDT, M. KIEWEL, S. FENSKE, S. TREISCH, N. WOLFSLAST (Text) und M. VOLLMANNSHAUSER, S. LAURA, B. KANKA, S. SCHÜTZE
Vermutlich waren sie neidisch auf die mehrseitigen Artikel im Spiegel, der meist von 3 oder 4 Leuten zusammengeschustert werden. Wenn schon - denn schon, hat sich Bild Online da gedacht, und freut sich gleich auch noch über den Umstand, dass jetzt niemand konkretes mehr für die Texte verantwortlich zeichnen muss. Hut ab!

Mittwoch, 28. Juli 2010

Der Anfang von Merkels Ende

Auf Bild Online gibt es heute einen Artikel, den wir uns alle merken sollten, denn er läutet die Endphase der Kanzlerin ein. Schon vor Monaten hatte der Kabarettist Georg Schramm das prophezeit:
Eine Handbewegung von Friede Springer genügt, und die Lohnschreiberlinge werden die Kanzlerin endgültig vom Thron holen und werfen sie ihrer eigenen Partei zum Fraß vor. Vielleicht erleben wir es schon demnächst.
Ja, wir werden es demnächst erleben. Die Bild hatte bisher zwar immernoch wohlwollende Worte gegenüber der Kanzlerin gefunden („Sie hat sich den Urlaub redlich verdient”), doch nach den jüngsten Forsa-Umfragen wird sich das in Zukunft ändern. Auch die Userabstimmung mit der Frage nach der Benotung der Regierung Merkel spricht eine deutliche Sprache. Zum Zeitpunkt des Screenshots wurden knapp 120.000 Stimmen abgegeben.


Nun ist also der Zeitpunkt gekommen, in dem Bertelsmann und Bild sich auf die Seite der Mehrheit ihrer Leser stellen müssen. Das war bei Kohl der Fall, bei Schröder ebenso. Jetzt hat Merkels letztes Stündlein geschlagen, und die Berichterstattung wird in den nächsten Wochen Schritt für Schritt negativer werden. Man kann zwar nicht behaupten, dass sämtliche Medien in jüngster Zeit positiv berichtet hätten, aber jetzt wird die Endphase beginnen. Man darf gespannt sein auf die einhellige Demontage in den Medien.

Dienstag, 27. Juli 2010

Linksammlung Radio- und Fernsehenbeiträge

Man kann ja nicht immer nur lesen. Manchmal muss man sich auch berieseln lassen, wie etwa vom mp3-Player in der U-Bahn, auf dem Fahrrad oder beim Einkaufen. Darum habe ich hier eine kleine Liste mit Links zu interessanten Audio- und Videodateien zum Thema Medien erstellt. Radiobeiträge und Fernsehsendungen zum herunterladen. Natürlich alles ganz legal vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.


Deutschlandfunk: Markt und Medien
Eine Auswahl besinders interessanter Beiträge des Medienmagazins vom Deutschlandfunk über PR-Meldungen, Kinderzeitungen und Medienjournalismus.

hr2 Wissenswert - Die Macht der Medien
Die Macht der Medien ist eine fünfteilige Reihe und wurde vom 28. Juni bis 02. Juli ausgestrahlt - die einzelnen Titel sagen schon worum es jeweils geht. Viele O-Töne von Medienmachern und Medienbeobachtern, ausgewogen präsentiert und unterhaltsam aufbereitet.


(WDR 5) Töne, Texte, Bilder - das Medienmagazin: Jahresrückblick 2009
„Subjektiv, unvollständig, aber in jedem Fall unterhaltsam” - so wird die Sendung angekündigt. Es lohnt sich allemal sich einmal die Zeit zu nehmen und die Medienereignisse des letzten Jahres revue passieren zu lassen. Wer kann sich schon noch an den Wirbel um die mit Laienschauspielern gestellte RTL-Sendung aus der Reihe „Mitten im Leben” und den darauffolgenden Stefan Raab-Kommentar „Da spielen Assis Assis für Assis” erinnern?


Quarks & Co. - Mit Zahlen lügen
Ständig begegnen einem Statistiken und Zahlen in den Nachrichten. Ranga Yogeshwar erklärt, welche Fallen bei der Interpretation lauern und wie gemogelt werden kann. Leider ist der Beitrag schon von 2006 und daher nicht von der Seite des Wdr herunterladbar, darum hier die Version von Youtube:

Als Online-Extra zu der Sendung hat der WDR noch ein interaktives Flashapp gebastelt: aus Zeitungen werden bewusst verzerrende Grafiken herausgenommen und analysiert. Auch das BildBlog und die berühmte „Klinsmann-Torte” kommen dabei zur Sprache.

NDR Info - Politiker, Privatsphäre und die Medien
In Deutschland ist es bisher noch unüblich, Dinge aus dem Privatleben von Politikern publik zu machen. Dieser Beitrag dreht sich um die Moral und die Distanz zwischen Medien und Politik.

B5 Aktuell - Medienmagazin
Zwar eine Nachrichtensendung und daher nicht mehr aktuell (21. März 2010), aber der erste Beitrag ist zeitlos. Es wird beleuchtet, wie neue Märkte im Printsektor erschlossen werden (oder wie es zumindest versucht wird).

Montag, 26. Juli 2010

Was darf Satire? Nichts, wenn sie nicht lustig ist.

Neben Eva Herman gab es jüngst noch einen Aufreger zum Thema Loveparade-Katastrophe: die Seite elternhilfe.wordpress.com. Dort stand ein Artikel welcher den Vorfall direkt in Verbindung mit Homosexualität, Juden und Pädophilen brachte - viele Leser nahmen das für bare Münze und forderten in hunderten Tweets und Blogkommentaren die Löschung der Seite. Das ist jetzt geschehen, Wordpress zeigt anstatt des Blogs jetzt nur noch einen Hinweis auf verletze Nutzungsbedingungen. Gut gemacht, liebe Internetgemeinde! Wie kann man so etwas ernst nehmen? Zitat aus dem Text:
Doch was brachte die Organisatoren dazu, diese Entscheidung zu treffen? Wir können nur spekulieren: Sexuelle Befriedigung am Tode junger (vielleicht sogar noch heilbarer) Homosexueller; ein PR-Stunt, um Aufmerksamkeit zu erlangen; eine Beteiligung jüdischer Hintermänner, um Chaos zu stiften
Nun gut, das ist hart. Allerdings wird in dem Blog selbst auch auf den satirischen Hintergrund hingewiesen.

Oft gehört: "Das ist keine Satire, das ist nicht mehr lustig." Das muss Satire glücklicherweise auch nicht sein, auch wenn die Titanic da einen anderen Eindruck vermitteln will - Lustiges verkauft die Hefte nun mal besser. Aber unlustige, böse und gesellschaftliche Missstände karikierende Satire gibt es eben auch. Aber die Aktion ist allzuschnell aus dem Ruder gelaufen. Ein Beispielkommentar unter dem Artikel von einem daniel:
Der Verfasser dieses Artikels gehört ins Gefängnis. Menschenverachtend, Volksverhetzend und ekelhaft. Euch behinderten Spasten hat man doch ins Gehirn gekackt.
Nicht schlecht, Herr Specht. Darunter sind noch weitere handfeste Morddrohungen oder Ankündigungen von rechtlichen Schritten.

Fazit: in diesem Fall hat die Blog- und Twitterdynamik ihre schlechte Seite gezeigt. Hunderte von hasserfüllten Leuten haben sich gegenseitig aufgewiegelt, weil sie meinen, die Herrscher über den guten Geschmack zu sein. Aber auch schlechter Geschmack muss erlaubt sein.

Loveparade, Schlagwörter und Eva

Die Loveparade macht immer Schlagzeilen, nur dieses Mal hätte man darauf Verzichten können. Dieses Ereignis mit 19 Toten gehört zu jenen, die ausnahmsweise mit Recht von den Medien als „tragisch” bezeichnet werden. An einem normalen Autounfall ist meist nichts tragisches, nein, er ist traurig und das Wort wird vermutlich aus Gründen der stärkeren Wirkung falsch benutzt. Neunzehn Tote und über 300 Verletzte, denkbar grausam aus mehreren Metern auf den Boden geklatscht oder totgetrampelt, auf einem Fest der Liebe und des Feierns sind wirklich tragisch.

Besorgniserregend ist indes das Verhalten der klassischen Medien, der Blogger und der Kommentierer, aus mehreren Gründen. Zum Ersten bin ich sicherlich nicht der Einzige, der auf die populäre Formulierung „Warum mussten 19 Menschen sterben?” allergisch reagiert. Fakt ist, sie mussten nicht sterben. Die Zeiten, in denen jeder Tod das Ergebnis einer höheren Macht ist, sind vorbei. Das die Angehörigen tatsächlich geschockt sind, und zwar wirklich geschockt im Gegensatz zu unbeteiligten Politikern, Journalisten und sonstigen dazusenfern, ist klar. Deswegen wundert sich auch niemand über die immer anzutreffenden „Warum?”-Schilder vor den Grablichtern: sie sind Ausdruck von Schockierung und Hilflosigkeit. Autoren jedoch täten gut daran, sich nicht durch ähnliche Ausdrucksweise in die Riege der Betroffenen einzumogeln. Ich gebe frank und frei zu, dass ich weder geschockt bin, noch trauere ich.

Als wäre das nicht unschön genug, hat sich Eva Herrmann (bzw. Herman) zu Wort gemeldet. Normalerweise ist dies stets zu ignorieren, da ihre Kommentare vorhersehbar naiv und geistig unausgewogen sind. Aber jetzt hat sie es endlich mal wieder zu medialer Aufmerksamkeit geschafft: sie ist, für einige offenbar sehr überraschend, kein Fan der Loveparade. Das wurde aufgegriffen, wie unnötigerweise auch vom Medienjournalisten Stefan Niggemeier, und gab ihr Grund sich an dem Echo weiter hochzuziehen. Ihren Stumpfsinn als Verhöhnung der Angehörigen zu bezeichnen ist eine Farce. Ich bin froh, dass ich die Situation der Betroffenen nicht nachvollziehen kann, doch hege den wagen Verdacht, dass ich die ungefragten Anwälte in meiner Sache, also praktisch jeder der jetzt moralapostelig seine Meinung kundtut, genauso unsympathisch fände.

Zu guter Letzt gibt es noch die Hetzjagd nach dem Schuldigen. Mal sehen, wer in den nächsten Tagen zum Sündenbock erhoben wird. Leider ist die Realität kompliziert und der Vorfall ist eher ein Zusammenspiel aus vielen Dingen, die schiefgelaufen sind. Diese Dinge sollten aufgezeigt werden um Konsequenzen daraus zu ziehen. Es gab Probleme in der Organisation, in den behördlichen Belangen, es wurde sich zu sehr auf unzutreffende Simulationen verlassen, es gab zu wenig professionell angewiesenes Personal und bei den Fluchtwegen hat es gehapert. Einen Grund oder einen Schuldigen für den Unfall zu finden ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Samstag, 24. Juli 2010

4 populäre Irrtümer unter Redakteuren

Viele andere würden gleich ein Buch aus dem Thema machen, und ich will nicht ausschließen, dass ein solches bereits Existiert. „Die schrillsten Redaktionsirrtümer” für 4,95 bei Thalia. Auf dem Cover wäre vermutlich das Gesicht des Autors, möglichst groß und neckisch guckend.
Trotzdem möchte ich ein paar Irrtümer aufdecken, welche sich wie rote Fäden durch die Medienlanschaft ziehen. In Kommentaren, Editorials und auch überall sonst, wo eine Meinungsäußerung der üblichen Verdächtigen nicht verhindert werden konnte, stößt man auf diese Fehler. Im Einzelnen sind dies:

„Content-Diebstahl” ist ein Problem


Erst einmal gibt es berechtigte Einwände gegen die Wortwahl: mit Diebstahl oder Klau hat das, was gemeint ist, wenig zu tun. Ich persönlich finde den Begriff unproblematisch, solange der Leserschaft eine gewisse Internetkompetenz zuzumuten ist. Denn die wissen, dass im Internet nichts gestohlen, sondern kopiert wird. Wenn ich etwas stehle, dann nehme ich etwas weg, im Web wird jedoch eine Urheberrechtsverletzung begangen.
Aber wo sind diese vielfachen Uhreberrechtsverletzungen? Kopieren Blogger, die über eine nennendwerte Leserschaft verfügen, komplette Artikel auf ihre Seiten? Wenn ja, dann ist mir das noch nicht untergekommen. Und was ist mit Google? Der Internetriese sammelt alle Nachrichten um sie dann zu verlinken. Google ist ein Lieferant, der wohl eine nicht unerhebliche Zugriffsquelle für sämtliche Onlinezeitungen darstellt. Trotzdem machen sie Druck und wollen Google ans Leder. Dass die Verlage gerne mehr Geld ohne zusätzliche Arbeit hätten, ist klar. Dass das nicht funktionieren wird, ist auch klar.

Dialog mit dem Leser bedeutet: ein Kommentarfeld einrichten


Schön wär's. Aber in der Praxis ist ein Kommentarfeld ohne Rückmeldung der Redakteure sinnlos. Ich lese selten die Kommentare, und wenn, dann sind sie meist langweilig bis grauenvoll. Die Leser reden nur untereinander, es schaukelt sich hoch, und irgenwann landet man dann argumentativ bei Hitler. Es gibt nur wenige Redaktionen, die die Kommentare zur Kenntnis nehmen und darauf eingehen.

Die Leute unterstützen unseren Druck auf die öffentlich-rechtlichen


GEZ ist mist. Damit konnte man noch Leute ködern, denn der Deutsche zahlt ungern Gebühren. Aber mittlerweile wird es lächerlich: bei dem Versuch, den Leuten zu erklären, warum ARD ältere gebührenfinanzierte Beiträge aufwändig löschen muss, sind sämtliche Verlage gescheitert - zu Recht, denn es gibt keine Erklärung die nicht zwangsläufig die Worte „Konkurrenz” und „ausschalten” enthält.

Onlinezeitungen sind ein riesiges Verlustgeschäft


Sind sie nicht. Spiegel Online etwa machte letztes Jahr rund 4 Millionen Euro Gewinn, RP Online kam immerhin auf eine Million und auch die ZEIT kann nach Eigenauskunft nicht über die Onlinesparte klagen. Natürlich sind es keine Gelddruckmaschinen, und es gibt auch Seiten, die nicht besonders laufen. Aber das Riesenverlustgeschäft aller Onlinemedien ist nichts als ein Riesenmythos.